Das Feigenblatt der Vokabeln:

Warum Sprachregeln echtes Handeln nicht ersetzen

Es ist eine Debatte, die mit einer Verbissenheit geführt wird, als hingen Wohl und Wehe der Republik von einem Sternchen oder einer historischen Bezeichnung ab. Während die einen den Untergang des Abendlandes wittern, weil sie sich umgewöhnen sollen, feiern die anderen jede getauschte Vokabel als sozialen Fortschritt. Doch schauen wir hinter die Fassade der Empörung, stellt sich eine unbequeme Frage: Dient die Sprachreinigung dem Schutz der Menschen – oder dient sie primär dem reinen Gewissen derer, die an den tatsächlichen Verhältnissen nichts ändern wollen?

1. Das Phantom des Verbots und die Angst vor dem Wandel

Zuerst zur Faktenlage, die oft im Nebel der Polemik verschwindet: In Deutschland gibt es keine „Sprachpolizei“. Niemand landet im Gefängnis, weil er „Indianer“ sagt oder das Binnen-I verweigert. Es gibt kein Strafrecht für unhöfliche Etikette. Was wir erleben, ist kein staatliches Diktat, sondern ein tiefgreifender gesellschaftlicher Aushandlungsprozess.

Dass Institutionen, Medienhäuser und Verwaltungen ihre Leitfäden ändern, ist oft eine späte Reaktion auf den Wunsch von Betroffenen – etwa den Sinti und Roma –, nicht mehr mit Begriffen belegt zu werden, die jahrhundertelang als Taktgeber für Ausgrenzung, Stigmatisierung und letztlich die industrielle Vernichtung dienten. Es ist eine Frage des Respekts, die Fremdbezeichnung durch die Selbstbezeichnung zu ersetzen. Wer dies als „Diktatur“ diffamiert, verkennt, dass Freiheit auch die Freiheit bedeutet, auf die Verletzungen anderer Rücksicht zu nehmen.

2. Antirassismus ist eine Haltung, keine Grammatik

Hier müssen wir deutlich werden: Antirassismus ist eine tägliche Praxis, keine bloße Übung in angewandter Grammatik. Es ist vollkommen richtig und moralisch geboten, Sprache zu hinterfragen, die herabwürdigt oder koloniale Stereotypen zementiert. Wer aus reinem Trotz an Begriffen festhält, von denen er nachweislich weiß, dass sie andere verletzen, beweist keinen Mut gegen den „Mainstream“, sondern schlicht einen Mangel an Anstand und Empathie.

Doch die Gefahr der aktuellen Debatte liegt im gefährlichen Umkehrschluss: Wir laufen Gefahr zu glauben, wir hätten ein Problem gelöst, nur weil wir einen neuen, klinisch reinen Namen dafür gefunden haben. Rassismus verschwindet nicht durch Euphemismen. Er verschwindet durch die Veränderung von Machtstrukturen, durch den Zugang zu Ressourcen und durch das Ende realer Benachteiligung.

 Eine klassische Schreibmaschine steht im Vordergrund, während im Hintergrund eine unscharfe Baustelle zu sehen ist. Symbol für den Kontrast zwischen symbolischer Schreibarbeit und realem gesellschaftlichem Aufbau.

3. Die Bequemlichkeit der Symbole: Der „Gratis-Mut“

Sprachregelungen haben einen unschlagbaren Vorteil für Entscheidungsträger: Sie sind billig. Es kostet die Politik kein nennenswertes Budget, einen Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache zu drucken oder eine neue Dienstanweisung für Behörden herauszugeben. Es kostet sie aber Milliarden, den sozialen Wohnungsbau massiv voranzutreiben, echte Bildungsgerechtigkeit für Kinder aus migrantischen Familien herzustellen oder die strukturelle Armut in benachteiligten Stadtteilen zu bekämpfen.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Fixierung auf Sprachpolitik – oft vorangetrieben von einem privilegierten, akademisch-liberalen Milieu – ein Ersatz für schmerzhafte Strukturreformen ist. Es ist eine Form des „Gratis-Mutes“: Man fühlt sich moralisch überlegen und auf der richtigen Seite der Geschichte, ohne dass diese Haltung das eigene Privileg, den eigenen Lebensstandard oder das Staatsbudget ernsthaft belastet. Wer „Gäst:innen“ schreibt, aber gleichzeitig die Abschiebung von Menschen in prekäre Verhältnisse achselzuckend hinnimmt, betreibt keine Befreiungspolitik, sondern Imagepflege.

4. Das Paradox der Mehrheiten und die moralische Distinktion

Oft wird die Frage gestellt, wie eine vermeintlich „minderheitliche“ Meinung zur Sprachregelung so dominant werden konnte. Die Antwort liegt in unseren Elitenräumen: Redaktionen, Ministerien, Universitäten und Marketingabteilungen sind die Orte, an denen Sprache geformt und normiert wird. Wenn diese Räume sich entscheiden, sensibler zu kommunizieren, hat das eine enorme Strahlkraft – auch ohne jede gesetzliche Grundlage.

Das ist legitim, birgt aber ein enormes soziales Sprengpotenzial: Wenn Sprache zur moralischen Distinktion genutzt wird – also um zu demonstrieren, dass man „dazugehört“, „gebildet“ und „wach“ (woke) ist –, dann treibt das einen Keil in die Gesellschaft. Menschen, die im harten Arbeitsalltag keine Zeit finden, die wöchentlich neuen Wendungen der „Political Correctness“ zu studieren, fühlen sich nicht nur abgehängt, sondern moralisch abgewertet. Dieser berechtigte Unmut über den erhobenen Zeigefinger wird dann allzu oft von rechtspopulistischen Kräften geerntet, denen echter Antirassismus völlig fremd ist und die den Kulturkampf für ihre Zwecke instrumentalisieren.

5. Die Grünen und das Etikett „Linksgrün“

In diesem Kontext wird oft das Schlagwort „linksgrün“ als politischer Kampfbegriff verwendet, um eine vermeintliche Umerziehungs-Agenda zu suggerieren. Doch ein genauer Blick zeigt: Die Grünen agieren in vielen Bereichen längst als die neuen Liberalen des Bildungsbürgertums. In gesellschaftlichen Fragen (Bürgerrechte, Identitätspolitik) stehen sie links der Mitte, in der Wirtschaftspolitik sind sie jedoch längst im pragmatischen Markt-Zentrum angekommen.

Die Fixierung auf Sprachfragen ist auch hier ein zweischneidiges Schwert: Sie bedient die eigene Kernwählerschaft, verdeckt aber oft, dass radikale ökologische oder soziale Transformationen an harten ökonomischen Realitäten scheitern. Man streitet lieber über das „Wie“ des Sprechens, weil das „Was“ des Handelns oft schmerzhafte Kompromisse in Koalitionen erfordert.

Fazit: Taten statt Termini

Wir müssen aufhören, so zu tun, als wäre ein gereinigtes Glossar bereits eine gerechte Gesellschaft. Ein echter, deutlicher Antirassismus muss zweigleisig fahren: Er muss die unantastbare Würde des Individuums in der Sprache achten – ohne Wenn und Aber und aus tiefster Überzeugung. Aber er darf niemals dort stehen bleiben.

Sprache ist der Spiegel einer Gesellschaft, nicht ihr Motor. Wenn wir die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche und im Bildungssystem nicht besiegen, werden auch die neuen, „korrekten“ Begriffe über kurz oder lang die gleichen negativen Aufladungen erhalten wie ihre Vorgänger. Kämpfen wir also weniger um das Sternchen und mehr um die Chance. Weniger um das Wortverbot und mehr um die materielle Gerechtigkeit. Denn am Ende des Tages zählt nicht, wie wir einen Menschen nennen, sondern ob wir ihm die gleichen Rechte, Chancen und Sicherheiten garantieren wie uns selbst.


© () - H. E. Puempel