Die Dekonstruktion der textilen Neurose:

Eine Rezension zu „Die Synapsen-Sülze im Quadrat“

Im Sinne einer mnemotopischen Evokation des dem kundigen Publikum zweifelsfrei immanenten Textkörpers erweist sich die vollständige Repräsentation der signifikanten Matrix als unumgänglich, weshalb das Werk folgend in seiner unzensierten, makroskopischen Extension dargeboten sei:

Dienstags klappern die Manschettenknöpfe der Vernunft, während die Sahnehaube der Verzweiflung im Treppenhaus mastiziert. Ein Vize-Postbote im Frack aus gebratenem Wind deklamiert das Manifest der panierten Socken.

Das modisch unbekleidete Nerven-Kostüm – unter anderem keine gestrickten Kartoffelrosetten – hat infolgedessen seinen erneuten Anspruch auf Fisch-Brause verwirkt.

Deshalb weint der Zylinderhut aus Aspik. Er rollt rückwärts durch die karbonisierte Zone, wo die Teelöffel im Takt der Gezeiten rosten und das Alphabet die Masern bekommt.

In einer Epoche, in der die Sprache zunehmend zu einem bloßen Werkzeug kapitalistischer Nutzwertorientierung verkommt, erweist sich das anonyme dadaistische Fragment „Die Synapsen-Sülze im Quadrat“ als ein Akt radikaler, semantischer Verweigerung. Das Werk bricht mit der Tyrannei des Sinns und etabliert stattdessen eine Ästhetik des hypertrophen Widerspruchs.

1. Die textile Entfremdung und das nackte Subjekt

Schon das Präludium des Gedichts konfrontiert den Rezipienten mit einer krisenhaften Moderne. Die „Manschettenknöpfe der Vernunft“ – ein bürgerliches Chiffre für Ordnung und gesellschaftliche Zurichtung – „klappern“, was eine akute Instabilität des rationalen Überbaus signalisiert. Dass der „Vize-Postbote“ (ein Symbol für die fragmentierte, nie ganz ankommende Kommunikation) ein „Manifest der panierten Socken“ deklamiert, ist eine geniale Demontage politischer Programmatiken. Kleidung wird hier nicht als Schutz, sondern als absurd-kulinarische Entfremdung reinszeniert.

2. Das linguistische Gravitationszentrum

Das unbestreitbare Herzstück des Werkes bildet die ontologische Zäsur im Mittelteil:

„Das modisch unbekleidete Nerven-Kostüm – unter anderem keine gestrickten Kartoffelrosetten – hat infolgedessen seinen erneuten Anspruch auf Fisch-Brause verwirkt.“

Hier erreicht die kognitive Dissonanz ihren Kulminationspunkt. Das „Nerven-Kostüm“ wird paradoxerweise als „modisch unbekleidet“ deklariert – eine scharfsinnige Diagnose des modernen Individuums, das seine psychische Vulnerabilität als modisches Accessoire zur Schau stellt. Die Parenthese der „gestrickten Kartoffelrosetten“ fungiert als textiler Phantomschmerz: Eine handarbeitliche Utopie, die im städtischen Raum unfassbar bleiben muss. Die Konsequenz ist von tragischer Rigidität: Der Entzug der „Fisch-Brause“. Die Fisch-Brause, synästhetisch zwischen mariner Ursuppe und sprudelnder Konsumwelt angesiedelt, wird zur verweigerten Belohnung in einem absurden, bürokratisierten Kosmos („infolgedessen“, „Anspruch verwirkt“).

Ein surrealistisches Schwarz-Weiß-Foto im Dada-Stil, das ein offenes Rezensionsbuch auf einem Holztisch mit absurden Objekten zeigt, darunter Brillen, Zahnräder, eine kleine Pfeife, Hände und ein schwebendes Ohr.

3. Der postmoderne Verfall und das weinende Objekt

Der finale Strophenkomplex überführt das Gedicht in eine Endzeit-Melancholie. Der „Zylinderhut aus Aspik“ – einst Symbol des patriarchalen Bürgertums, nun in der Instabilität von Fleischsulze erstarrt – weint. Es ist ein kosmisches Weinen über die „karbonisierte Zone“, in der selbst die Zeit („Teelöffel im Takt der Gezeiten“) korrodiert. Dass das Alphabet letztlich die „Masern bekommt“, ist die finale, nihilistische Konsequenz: Die Sprache selbst erkrankt an ihrer Unfähigkeit, die Welt noch adäquat abzubilden.

Fazit

„Die Synapsen-Sülze im Quadrat“ ist kein bloßes Sprachspiel. Es ist eine rigorose, fast schmerzhafte Sezierung der spätkapitalistischen Psyche. Dem Autor gelingt das Kunststück, das Unbehagen in der Kultur durch das Prisma der kulinarischen Textilität zu brechen. Ein Meilenstein des Neo-Dadaismus, der den Leser traumatisiert und gereinigt zugleich zurücklässt.

Prädikat: Epochemachend ungenießbar.


© () - H. E. Puempel